Nahrungsmetik - Pretty in pink

Ein „Alicament“ steht in Frankreich für ein Nahrungsmittel (Aliment), der auch wie ein Medikament (Médicament) medizinische Wirkungen haben soll. Ein bekanntes Beispiel ist die Cholesterinsinkende Margarine. Gibt es einen solchen Begriff in Deutsch?

Warum diese Einführung? Weil mir letzte Woche in Paris diese Rosa-Plakaten aufgefallen sind:


Ich habe zuerst gar nicht verstanden, wofür sie da sind – was? kein Auris-Werbung? Hilfe! – bis ich doch den klein dargestellten Yoghurt gesehen habe, und die Versprechung, dass er den Esser eine strahlend schöne Haut verleihen wird. (Oder besser gesagt, die Esserin, denn es ist bekannt, dass Männer natürlich schöne Haut haben, und solchen Abhilfen gar nicht benötigen, und Metrosexuellen sind sowieso out.) Die Idee ist nicht ganz neu, denn ich hatte bereits vor einigen Monaten gelesen, dass ähnliche Produkte in Japan damals Furore machten. Ich vermute aber, dass man in Europa gerade bei der Einführung ist.


Ich esse eigentlich am liebsten Naturjoghurts, und schon gar kein aromatisierten, aber ich habe die schwer zu übersehenden Verpackung nicht widerstehen können, und habe vier Himbeer-Granatapfel Essensis gekauft. Und natürlich zuerst beobachtet. Mmmm. 110 Gramm pro Verpackung statt der üblichen 125 Gramm in Frankreich. Der Preis: knapp über zwei Euro. Muss auch sein, wenn man nicht nur Joghurt ist, sondern gleichzeitig Kosmetik.


Die Zutaten: na ja, zu den üblichen – darunter Zucker - kommen Antioxydanten aus grünem Tee, Omega 6 aus dem Borretsch, Vitamin E, und exklusive probiotische Kulturen, die – unüblich in Französisch - alle groß geschrieben sind. Das imponiert.

Und es wird in einer anderen Ecke noch eins dazu gesetzt:



Es ist klinisch bewiesen! Aber was genau? Die einzige Versprechung, die ich auf der Verpackung finde, ist dass es die Haut von innen ernährt… Ist es wirklich neu? Auf dem Deckel ist man bescheidener, denn es sind nur noch Obst, Zucker und Vitamin E zu sehen:



Bleibt noch der Geschmacktest… aber beim ersten Löffel erkenne ich weder Himbeere noch Granatapfel, sondern nur den unverkennbaren, von mir gehassten aromatisierten Joghurtgeschmack. Ich esse trotzdem an diesem Tag zwei Becher. Meine Haut? Sie wurde von innen ernährt, ich schwöre es, und es ist eh klinisch bewiesen.

Kommentare:

Ulrike hat gesagt…

Nee, wir Deutsche sind da mehr anglophil: functional food wie z.B. dies hier. In deutscher Sprache klänge das natürlich nicht so gut. Außerdem wäre so eine Kombination Lebensmittel und Medikament lebensmittelrechtlich nicht erlaubt. Entweder Lebensmittel oder Arzneimittel. Functional food sind Lebensmittel für Zwecke im Rahmen eines besonderen Ernährungsplans. Hättest du etwa was anderes erwartet :-)

Michael hat gesagt…

Die Designer von den Joghurt-Töpfen haben sich vorher bestimmt nächtelang die Haare gerauft, nicht geschlafen, ungesunde Sachen gefuttert und dann Pickel gekriegt, bevor sie den Look für hauternährenden Danone-Joghurt fertigbekommen haben...

Iris hat gesagt…

Es gibt tatsächlich noch kein deutsches Wort für alicament, dabei gilt doch gerade die deutsche Sprache als so einfach zu bereichern durch die Möglichkeit, zusammengestzte Wörter zu bilden. Den unten genannten Artikel fand ich sehr informativ - auch und gerade für Joghurts, bei denen, wie es heißt "aus .... Geld gemacht werden kann".

Bei Wein besteht, wie bei vielen anderen Lebensmitteln auch, meiner Meinung nach die Kunst, etwas für die Gesundheit zu tun, eher im Weglassen. Je weniger Zusatzstoffe, desto verträglicher - und insgesamt liegt das Geheimnis der Bekömmlichkeit ja auch hier in der Dosis.

http://www.heise.de/tp/r4/artikel/24/24245/1.html

Véronique hat gesagt…

Ulrike, ja klar! Deshalb konnte ich den Namen nicht finden. Schade, dass man als deutscher Anglophil nicht kreativ sein darf. In Frankreich darf übrigens ein Alicament genauso wenig als Arzneimittel wie functional food hier verkauft werden.

Michael, ich vermute, dass Designers nicht ungesünder leben als - rein zufällig - Computerfachleute, aber ich kann es nicht klinisch beweisen. ;-)

Iris, ich kann mich genau daran erinnern, dass mein ältere Bruder genaue Angaben zu der Ursprung der Bakterien gemacht hatte, als ich in den 80er einer meinen ersten "BA" (schon von Danone?) gegessen habe... Danke für die Link!