Essen in London

In England war ich zum ersten Mal vor über 20 Jahre, zwei Sommer hintereinander, jeweils für drei Wochen. Damals bin ich bei einer Gastfamilie geblieben, die von dem Verein, der die Schülerreisen organisierte, bezahlt wurde, und die dieses Geld nötig hatte. Ich aß morgens mein Frühstück zu Hause, für das Mittagessen bekam ich jeden Tag eine kleine Tüte von der Gastmutter, und abends aß ich wieder zu Hause.
Ich habe keine Erinnerung an dem Frühstück von damals: Ich vermute, dass es Corn Flakes war, und vielleicht auch Toasts. An für mich neue Esserlebnisse kann ich mich sehr lange erinnern, also war es kein English Breakfast. Zum Mittagessen bekam ich Cucumber Sandwich, und Salt and Vinegar Crisps. Am Anfang war ich begeistert. Diese kleine, schöne Sandwichs waren für mich so neu und hübsch, dass ich zuerst dachte, ich würde nie genug davon bekommen. Nach zwei Wochen von dieser Diät landeten die Sandwichs jedoch jeden Tag direkt im Müll, und nur die Crisps wurden gegessen. Ich mag Essig. Was die Mahlzeiten, die zu Hause genommen wurden, angeht, habe ich ein paar unvergessliche Gerichte aufgetischt bekommen: Tiefgefrorene Hacksteacks wurden in reichlich Wasser gekocht, tiefgefrorene Pizzen im Backofen erhitzt, tiefgefrorene Erbsen auch in Wasser gekocht, und als Gast bekam ich doppelte Portionen von dem geschmackslosen Vanilleeis mit dreifache Portionen an wackeligen Jelly und industriellen Custard. Ich habe zwar England lieben gelernt, aber es hatte mit seinem Essen nichts zu tun! Ich muss trotzdem erwähnen, dass es schon damals Marks & Spencers in Frankreich gab, und dass meine Mutter und ich an vielen Mittwoch Nachmittage (in Frankreich schulfrei, meine Mutter war Lehrerin) hingegangen sind, und stets mit Pancakes, Crumpets, Chocolate Chips Cookies (die schon in dem Bus angefangen wurden, für „Le Goûter“ um fünf Uhr) und Jelly-Blöcke zurückkamen. Die Jelly wurde pur gegessen, und schmeckte wie Weingummi hoch 10. Sandwichs fand man damals nicht bei M&S. Das sind gute Erinnerungen an englische Produkte, aber es schien so was in England nicht wirklich zu geben.
In den Jahren danach habe ich mich außer für die Musik nicht viel für England interessiert, bis ich unter anderen durch das Internet wieder mehr mit diesem Land in Berührung kam. Dazu zählt, dass ich anfing regelmäßig The Guardian und The Observer zu lesen. Das war einiger Zeit nach der Ausbruch der Mad Cow Disease. In The Observer schreibt Nigel Slater, ein Zeitschriftenkoch und Schriftsteller, von dem ich auch die bewegende Autobiografie nur empfehlen kann. Durch ihn habe ich begriffen, dass in England große Änderungen stattgefunden hatten. Zwar wusste ich, dass man da sehr gut indisch und chinesisch essen kann, aber mehr nicht. Durch die Seuche wurden anscheinend genügend Menschen erschüttert, und haben sich für gutes Essen eingesetzt.
Aus diesem Grund waren die wenigen Tagen, die ich vor kurzem in London verbracht habe, ein richtiges freudiges Erlebnis. Zwar ist die Stadt teuer – ein Einzel U-Bahn-Ticket kostet stolze 3 Pfund, die Museen sind dagegen kostenlos – aber man kann überall, sowohl in den Supermärkte als auch in den Restaurants, Pubs und Imbisse sehr gute Produkte kaufen und essen.
Meine erste Überraschung war, als ich in einem türkischen Dönerladen bemerkt habe, dass das Fleisch „organic“ war.

Dann die vielen, schönen Ständen auf der Portobello Road, egal ob klein oder groß, immer sehr gepflegt, als ob der Besitzer über jeden einzelnen Obst, Blatt Salat oder Brötchen stolz sei. Und natürlich war die ganze Welt vertreten.


Ähnlich wie beim Natural Café in Brüssels, gibt es viele Plätze, wo man leckere hausgemachte Gerichte kaufen kann, häufig auch Bio, zum Vorort Essen oder Mitnehmen. Die Steak, Stilton and Mash Pie bei Progreso war wunderbar lecker, sowie der Melba Kuchen bei Kitchen and Pantry (Ovalformiger Schoko-Biscuit mit pochierter Birne und etwas Knuspriges gedeckt, die von einem Karamelmus-Türmchen verdeckt, und von einem dünnen, punktierte! Biscuit-Mantel umgeben waren.). Das Eclair war leider kaum durchschnittlich, trocken, und die Füllung nicht besonders cremig. Alle möglichen Suppen gab es auch, sowie frisch gepresste Säfte, in dem man wahlweise Ingwer reinpressen lassen konnte.


Supermärkte sind auch von der Tendenz nicht verschont worden, gesündere und „reinere“ Produkte anzubieten. Auch Tesco! Marks & Spencers, den ich jetzt noch mehr vermisse, hat ein so unglaubliches Angebot an Gemüse – obwohl für mein Geschmack zu sehr geputzt und verpackt, für gehetzte Köche eben - Käse, Aufschnitte und Fertiggerichte, dass ich mich gerne für eine Nacht einsperren lassen hätte, nur um die Zeit zu haben, zu sehen was das alles ist. Als ich da war, war eine große Werbekampagne gestartet worden: Aufschnitte sind bei M&S ab sofort Nitritpökelsalzfrei. Ein kleiner Besuch beim nächstgelegenen Minimal wird Ihnen zeigen, dass es für industrielle Anbieter alles anderes als selbstverständlich ist. (In meiner Erfahrung ist der Parmaschinken der einzige Aufschnitt bei Minimal, der nur aus Schinken und Salz besteht, gekochte Schinken inklusiv. Sollte ich etwas übersehen haben, dann sagt mir bitte Bescheid!)


Restaurants sind in London teuer, also wurde bescheidener gegessen. Trotzdem sehr gut war Masala Zone in Soho, mit seinen Thalis für knapp unter 10 Pfund.



Ein völliger Fehlgriff war hingegen „All Bar One“, der uns durch seine belebte Kundschaft angezogen hatte. Wir wussten noch nicht, dass es Teil einer Kette ist, und dass:
- der bestellte Hauswein ausverkauft war (wird derzeit aus Australien verschifft, siehe leeres Regal auf dem Foto);

- Das „Soup & Tapas“ Menü für 5 Pfund nicht mehr angeboten war, weil keine Suppe mehr da war;
- Der bestellte Lachs mit Rösti ausverkauft war;
An diesem Punkt war unsere erste Kellnerin zu sehr deprimiert, dass ein Kellner geschickt wurde, um die nächste Botschaft mitzuteilen:
- Die Ziegenkäse-Risotto-Küchlein wurden von der Küche zuerst vergessen. (Da sie nach nichts schmeckten, hätte man darauf völlig verzichten können)
- Nur jeden zweiten Stück Lamm des Lamb Skewer war zart;
- Alles in einem nichts richtig geschmeckt hat, aber die Teller waren schön angerichtet.
Ehrlich gesagt, dass unter den Tapas nichts Spanisches war, hätte uns direkt alarmieren sollen, aber wir waren müde…

Ein Besuch bei „Books for Cooks“ in Notting Hill dürfte natürlich nicht fehlen. Bei dem Rückflug hatten wir zu zweit 16 Kilos mehr Gepäck als bei dem Hinflug.

Jetzt wünsche ich sehr, demnächst in Deutschland auch problemlos diese Auswahl und diese Qualität zu finden. Hoffentlich wird es passieren, ohne dass zuerst eine kräftige Seuche über das Land gehen muss…

Diese hübsche Reiben, von der französischen Marke Pylônes, habe ich auch in London gesehen.

Kommentare:

ostwestwind hat gesagt…

Blöde Frage, womit röten die denn dann um? Kaliumnitrat? Gewürze?

Véronique hat gesagt…

Meinst Du den Red Leicester aus dem vorherigen Beitrag? Es wird mit Annato gefärbt, ein Extrakt aus den Beeren eines kleines Baums, den man in Südamerika aber auch in Indien und Sri Lanka findet. Geschmacklich ändert es nichts, also ist es kein Gewürz. Die Farbe wird auch in Kosmetika benutzt. Andere Teile des Baums werden auch in der ayurvedische Medizin eingesetzt.

Michael hat gesagt…

Ich habe bis vor wenigen Jahren Essig nicht ausstehen können, aber die Abneigung ist dann innerhalb weniger Wochen ins Gegenteil umgeschlagen - als wenn plötzlich irgend etwas "klick" gemacht hat. Fand ich interessant, dass einem auch jenseits von einem Alter von 35 Jahren solch rätselhafte Änderungen im Geschmack passieren können.

Das es Marks & Spencer nicht mehr in Deutschland gibt, ist wirklich schade. Ich habe einmal die Lebensmittelabteilung von M&S in Liverpool gesehen - beeindruckend, und irgendwie ganz anders als das Supermarkt-Einerlei hier.

Die meisten Produkte "Made in UK" gibt es lustigerweise hier in der Gegend in Asien-Läden: Curry-Pasten, Sossen ...
"Duchy Originals" Cookies gibt es aber neuerdings, zu einem königlichem Preis, auch bei Basic ;-)

zorra hat gesagt…

Danke, für den schönen Bericht.

notsofatso hat gesagt…

OK, vielen Dank dafür, dass du die "Masala Zone" empfohlen hast. Als älter Bruder bin ich ganz stolz darauf, dass du mich gehört hast...

Mari hat gesagt…

Sehr schöner Bericht, hat das Flair des Landes richtig schön erfasst. Freue mich bald auch mal wieder da zu sein *Sehnsucht*